Kontaktiere mich

Rotterstrasse 24 1/2 

85567 Grafing bei München

mobil: +49 170 9443955

© 2018 by Atelier24einhalb Proudly powered by Wix.com

Offenes Atelier

Montags - Donnerstags 14.00Uhr-18.00 Uhr

Mittwoch und Donnerstag 18.30- 21.30

Impressum & Datenschutz

  • Grey Twitter Icon
  • Grey Facebook Icon
  • Grey Google+ Icon
Mein Vater

Ich nehme den grob vorbereiteten Tonklumpen, der für die Figur meines Vaters angedacht war und beginne zu formen.

 

Die Kopfhaltung ist ziemlich schnell da und ich kann schon sein Gesicht sehen, seine Haltung. Ich forme den männlichen Oberkörper. Er hatte Muskeln. Mein Vater war gut gebaut. Die Arme werden proportional zu lang, die Beine zu kurz, wie bei den anderen Familienmitgliedern auch. Das gefällt mir aber irgendwie, deshalb lasse ich es so. Denn es betont die Arme, die Handlung, oder auch die Unfähigkeit für sich zu handeln. Alle stehen so da, als würden sie sagen. Es tut mir leid, ich konnte nicht anders. Es ist eigentlich die Marienhaltung. Meine Mutter hat sie besonders ausgeprägt. Mitleid, Mitgefühl, für eine Situation, die war wie sie war. Keine Reue, keine Verzweiflung, kein Kampf mehr...

Der Figur meines Vaters forme ich eine Hose. Nun steht er da, in Hose, mit nacktem Oberkörper. Ich habe ihm oft beim Arbeiten zugesehen. Er hat uns Kindern ein Karussell aus Eisen gebaut und es knallrot angemalt. Eine Hollywoodschaukel, eine Wippe, er hat unser ganzes Haus gebaut. Am Anfang hatten ihm Opa und seine Brüder geholfen. Dann baute er allein weiter, er baute den Dachboden für uns Kinder aus. Caro bekam ein Zimmer für sich allein und Yvonne und ich eines zusammen. Wir durften uns die Tapeten und die Möbel dafür selbst aussuchen. Yvonne und ich wählten eine rosa Blümchen Tapete. Ich erinnere mich als das Zimmer fertig war, kamen mein Onkel und meine Lieblings Tante zu Besuch. Mein Vater, meine Tante und mein Onkel standen mit mir im Zimmer. Meine Tante fragte mich: „und gefällt dir dein neues Zimmer?“ Ich konnte nicht sofort antworten. Es war alles so fremd und roch so, so ungewohnt neu. Und die Tapete auf der großen Wand sah jetzt ganz anders aus, als im Katalog. Es war ungewohnt und es gefiel mir nicht wirklich. Aus diesem Gefühl heraus sagte ich:“ Ich weiß nicht.“ „Was!“ Schrie mein Vater, holte aus und schlug mich ins Gesicht. Ich fiel nach hinten und knallte mit dem Hinterkopf auf den Boden. Ich weinte, stand aber wieder auf und lief zu meinem Vater hin. Ich wollte in seine Arme. Ich wollte ihm sagen. Es tut mir leid, es ist nur weil alles so fremd für mich ist. Ich stand also weinend auf und sagte:“ Papa“ während ich auf ihn zulief. Als ich vor ihm stand packte er mich an meiner Stirn und stieß mich nach hinten von ihm weg. Johannes! Hörte ich meine Tante entsetzt ausrufen. Ich fiel mit dem Kopf, mit meiner Nase, gegen den Kleiderschrank. Ich drehte mich um und konnte sehen wie er mich ansah. Sein Gesicht war Schmerz verzerrt und er sagte: Undankbare Göre! Ich habe mir so viel Mühe gegeben! Ich sah die Verletzung in seinen Augen, dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Nase blutete. Meine Tante kam zu mir und wir gingen zu meiner Mutter, die mir einen nassen Waschlappen auf die Nase legte. Wie der Tag für mich weiterging, weiß ich nicht mehr. Nun schaue ich auf den nackten muskulösen Oberkörper der Figur meines Vaters. Das Gesicht hatte ich schon geformt und es scheint mich hilfesuchend anzuschauen. Es scheint zu sagen. Es tut mir leid. Ich bin am Leben zu Grunde gegangen. Oftmals hatte er mich am nächsten Tag um Verzeihung gebeten. Ich lasse die Erinnerung vorbeiziehen und merke, da ist auch wirklich kein Schmerz mehr darüber.

 

Ich stelle meine Mutter zu der Figur meines Vaters dazu und merke, der nackte Oberkörper meines Vaters stimmt für mich nicht mehr, so ziehe ich ihm ein Hemd an. Mir gefallen meine Eltern, wie sie da so zusammen stehen. Ich stelle mich dazu. Ich mag das Bild! Kann man seine Vergangenheit ändern? Ich habe mich das schon öfter gefragt. Ich denke Ja! Wenn der alte Schmerz gegangen ist, wenn die Wunden verheilt sind, öffnet sich der Blick auf das Erleben für andere Momente aus der Kindheit. Für schöne Momente, die es durchaus auch gab. Ich forme die Ohren meines Vaters. Er hatte herrlich abstehende Ohren mit denen er wackeln konnte. Manchmal zog er seine Wangen nach innen damit aus dem Mund eine Hasenschnute entstehen konnte. Er machte ein „Schnatz“- Geräusch, wie ein Hase und wackelte dabei mit seinen Ohren. Ich beginne meine kleine Schwester Yvonne zu formen. Yvonne und ich standen uns als Kinder sehr nahe. Es gab Phasen in denen ich mich ihr gegenüber sehr verantwortlich fühlte. Ich stelle die Figur ab.

 

Ich brauche eine Pause...

Nach einer leckeren Tasse Tee und ein bisschen Sonne auf meiner Haut, beginne ich meine Schwester Caro zu formen. Wieder werden die Arme zu lang. Sie schaut offen und direkt. Bekommt eine Bluse und einen Rock. Fertig!

 

Ich stell sie in die Familie. Sie wird von meinen Eltern gar nicht angeschaut. Der Blick meiner Mutter auf mich geheftet. Das stimmt nicht mehr. Ich stelle die Figuren in einen Kreis. So ist es stimmig.

 

 

 

Die Figuren stehen jetzt in meinem Wohnzimmer im Regal. Ab und An verstelle ich die Positionen.

 

 

Just for fun!