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Ich will sehen, ob ich jetzt meinen Vater formen kann. In mir steigt ein abstraktes Bild auf. Eine Figur mit ausgebreiteten beschützenden Armen, ich setze es um, für die Form meines Vater. Ich empfinde Liebe für meinen Vater. Ich denke daran, dass er mit mir nach Polen fahren wollte, nur er und ich. Wohl auch, weil meine Schwestern schon Kinder hatten. Ich war noch ungebunden. Er wollte seine Geburtsstadt noch einmal sehen. Mein Vater war krank, das wusste ich aber nicht, er hatte Leberzirrhose. Ich sagte ihm ab, weil es für mich schwierig war, zu diesem Zeitpunkt extra Urlaub zu nehmen. Mein Vater hat keinem von uns von seiner Krankheit erzählt, bis es zu spät war und er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Selbst dann noch verleugnete er, das er totkrank war. Er fiel ins Koma und starb kurz darauf. Mein Vater trank Alkohol. Er konnte viel trinken, ging aber den nächsten Tag immer zur Arbeit. Er arbeitete drei Schichten. In einer Auto Fabrik als Elektrikermeister. Den Meister hat er noch nachgeholt als wir noch ganz klein waren. Er hat es seinen Eltern, besonders seinem Vater übel genommen, dass er nicht studieren durfte. Denn das durfte nur der älteste Sohn und er war der jüngste von fünf Kindern. Ich stelle die Figur meines Vater ab. Die Figur gefällt mir. Ich beginne meine Mutter zu formen. Meine Mutter...zerbrechlich und Schutz suchend, heiter und zu Tode betrübt. Sie wurde als junge Frau missbraucht, ich denke dieses Erlebnis konnte sie nie ganz verarbeiten. Sie saß oft am Boden und las die Bibel. Warum saß sie eigentlich immer am Boden?; Es ist ja nicht so, dass wir keine Sessel gehabt hätten. Meine Mutter war eine wundervolle Geschichtenerzählerin, aber sie erzählte eben keine Märchen, sondern die Geschichten aus der Bibel. Von Daniel in der Löwengrube, vom starken Samson, dessen ganze körperliche Kraft in seinen langen Haaren verborgen war und vom weisen König Salomon, der sogar die Geister befehlen konnte. Ich fühlte mich meiner Mutter immer sehr nahe. Einmal kam ich aus der Schule und sie begrüßte mich mit den Worten: „Hast du heute geweint?“ Ja, es stimmte! Sie konnte so was spüren. Ich schämte mich aber auch für sie. Sie war halt anders. Wenn ich krank war, sollte ich ein Messer drücken, damit meine Krankheit da rein geht und sie kochte heiße Schokoladensuppe, obwohl uns wenn wir krank waren, wirklich nicht nach Schokolade zumute war. Als Kind konnte ich beobachten wie sie die körperliche Nähe meines Vaters ablehnte, wie sie sich versteifte, wenn er sich ihr nahe kam. Meine Eltern haben sich oft gestritten. Ich kann noch die Worte hören: Du! Du! Du! Immer wieder machten sie sich gegenseitig Vorwürfe. Oft war auch Geld das Thema, das sie laut meines Vaters aus dem Fenster warf. Sie arbeitete im selben Werk als Sekretärin. Unsere ganze Gegend war abhängig von VW. Sie hat sehr gern gearbeitet. Als sie mit meiner älteren Schwester schwanger wurde, hat sie auch gleich danach wieder angefangen zu arbeiten. Sie hörte erst auf als ich auf die Welt kam. Sie konnte nie wieder einsteigen und ich denke sie vereinsamte und fühlte sich überfordert mit dem „nur“ Mutter sein. Ich stelle die Figur meiner Mutter ab, neben der meines Vaters unter seine schützende aber auch schlagende Hand. Er schlug meist, wenn sie stritten und er betrunken war. Durch den Alkohol schnitt er sich von seinem Fühlen ab. Ich verdrehe die Figur meines Vaters, so wie auch er sich verdrehte. Nun mache ich mich. Ich wirke kompakt, ich habe nicht die Flügelarme wie meine Eltern. Ich stelle mich zu meiner Mutter. Jetzt kommt meine ältere Schwester Caroline dran. Sie bekommt interessanterweise eine ähnliche Form wie mein Vater. Ich bekomme Herzrasen. Ein Gefühl von Liebe fließt zu ihr während ich den Ton bearbeite. Mir wird noch einmal bewusst das meine Schwester Caro eine wichtige Person in meinem Leben ist. Ich erinnere mich an Ihren Selbstmordversuch. Sie war 16 Jahre alt und ich 14 Jahre. Ich suchte unsere Wasserkaraffe die immer im Flur stand. Weil ich sie nicht finden konnte, dachte ich mir schon, dass Caro sie mit auf ihr Zimmer genommen hatte. Es war spät abends. Meine Eltern schliefen schon, auch Yvonne meine jüngere Schwester mit der ich mir ein Zimmer teilte. Es war still im Haus. Ich klopfte an die Zimmertür meiner Schwester. Sie antwortete nicht. Nach einer Weile ging ich einfach rein.„Verschwinde!“ lallte sie mir entgegen. Ich sah die Wasserkaraffe neben ihrem Bett stehen, ein Glas und viele Tabletten verstreut auf dem Boden, die Packung war umgefallen. Valium, konnte ich lesen. Es dauerte eine Weile bis ich begriff.„Hau ab!“,hörte ich sie sagen, in einem Ton als wäre sie besoffen. „Hast du die Tabletten genommen?“ fragte ich sie. Etwas sanfter rief sie:„Ach lass mich in Ruhe!“ Ich ging näher zu ihr heran. Eins wusste ich, wenn jemand eine Überdosis Schlaftabletten genommen hatte ,um zu sterben, darf sie auf keinen Fall einschlafen. Ich rüttelte sie. Sie wurde wütend und versucht mich wegzustoßen. Ich fühlte mich hilflos. „Verpiss dich!“ versuchte sie zu schreien. Ich weiß noch, dass ich sie reizen wollte, um sie wach zu halten, aber nach einer Weile gab ich auf. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich ging in mein Zimmer und weckte Yvonne auf. Ich erzählte ihr was geschehen war. Sie fing an zu weinen. Ich fühlte mich total überfordert. Ich hatte auch Sorge zu meinen Elten zu gehen. Denn ich hatte Angst mein Vater würde wütend werden, aber mir blieb keine Wahl. Ich ging die Stiegen hinab in das Schlafzimmer meiner Eltern. Es war dunkel. Ich ging einmal um das Bett herum um zu meiner Mutter zu gelangen. Ich berührte sie an der Schulter, sofort schreckte sie auf und rief, was ist passiert? Mein Vater wurde ebenfalls wach: „Was ist denn los?“ fragte er. „Caroline, hat Tabletten genommen!“ flüsterte ich, „sie versucht sich umzubringen.“ Mein Vater war geschockt, sprang sofort aus dem Bett, sagte meiner Mutter sie soll Salzwasser machen und rannte die Stiegen hinauf in das Zimmer meiner Schwester. Ich ging ihm nach. Er holte Caro aus dem Bett und befahl ihr aufzustehen. „ Hast du die Tabletten genommen?“ Sie antwortete nicht. Er hob sie aus dem Bett und befahl ihr zu laufen. Er stützte sie. Sie hing an ihm wie ein nasser Sack. Ich sah seine Sorge in seinem Gesicht. Bleib wach! Flehte er sie an. Yvonne und ich standen einfach nur da und erstarrten mit der Szene. Einerseits war ich erleichtert, dass meine Eltern die Führung übernommen hatten, andererseits fühlte ich mich unendlich hilflos. Meine Mutter kam mit dem Salzwasser. Sie zwangen Caro das Wasser zu trinken. Es rann aus ihrem Mund auf Kinn und Hals, auf ihren Schlafanzug. „Schlucken!“ befahlen meine Eltern. Sie schluckte. Dann würgte sie. Schnell liefen sie zur Toilette, wo sie sich übergab. Meine Mutter hatte den Notarzt gerufen. Es klingelte und zwei Männer in weiß kamen die Treppe herauf. Dann weiß ich nicht mehr was sie machten. Ich erinnere mich, das meine Schwester gestützt von den Sanitätern auf dem Weg nach draußen zum Krankenwagen an mir vorbeiging. Ich stand im engen Flur, meine Schwester berührte mich fasst mit ihrer Nase. Wir sahen uns in die Augen. Sie kniff ihre Augen zusammen und zischte: „Verräterin!“ Ein Schreck durchzuckte mich! Sie war wütend auf mich! Sie warf mir vor, sie verraten zu haben. Ich war jetzt ganz durcheinander, aber dann merkte ich, eigentlich fühlte ich mich von ihr verraten. Weil sie mich verlassen wollte. Sie wollte einfach abhauen und mich zurücklassen! Nach diesem Ereignis ist sie auch nicht mehr nach hause gekommen. Nach dem Krankenhausaufenthalt wohnte sie eine Zeitlang bei meiner Tante, die Schwester meiner Mutter und danach zog sie in die naheliegende Stadt. Ich besuchte Caro im Krankenhaus. Und ganz oft in ihrer kleinen Wohnung. Wir redeten über ihren Selbstmordversuch und sie sagte mir, sie könne sich gar nicht daran erinnern, das sie Verräterin zu mir gesagt hätte und das es ihr leid täte...

Ich stelle die Figur für Caro zu den anderen neben meinen Vater, dann sehe ich, dass ihre abstrakten Arme genau zwischen die Lücke meiner Eltern passen. Ich schiebe „Caro“ hinein. Sie war auch immer diejenige von uns, die, wenn sich meine Eltern gestritten haben, dazwischen gegangen ist. Ich kann mich an die schlaflosen Nächte erinnern. Wenn sie stritten. Die Anspannung in meinem Körper, die Angst. Wenn mein Vater später als erwartet von der Nachtschicht nach hause kam, wir wussten schon, oh je, er hat getrunken, es wird Streit geben. Ich erinnere mich gut, als Yvonne und ich jünger waren, schoben wir unsere Betten zusammen und hielten uns aneinander fest während meine Eltern unten, sich gegenseitig anschrien. Ich nehme mir einen neuen Klumpen Ton und forme Yvonne meine jüngere Schwester. Sie hatte die dunkelste Haut von uns allen und, dass meine Mutter aus Rumänien kam, konnte man an ihr sehen. Sie hatte schwarze Haare, die wild abstanden und sich wild kräuselten. Ihre Haut ist gelblich und sie hat braune Augen. Yvonne ist wirklich gutmütig, sie war eine Art Kuschelteddy. Immer saß sie entweder bei meiner Mutter oder meinem Vater auf dem Schoß. Ich weiß noch, das mein Vater mich mal einlud dazuzukommen. Ich lehnte ab. Der Platz war aus meiner Sicht schon besetzt. Außer von meinen Eltern ließ ich mich auch nicht küssen. Z.B von meiner Oma oder den Verwanden. Ich stelle die Figur für Yvonne neben mich. Ich habe noch ein bisschen Zeit, und schaue mich um. Ich sehe all die figurativen Formen der anderen, die ich sehr ansprechend finde und frage mich, wie meine Figuren wohl mit einem Gesicht aussehen würden. Ich nehme mir ein neues Stück Ton und beginne mich selbst figurativ zu formen. Es geht mir ganz leicht von der Hand. Ich forme mich mit angewinkelten Armen und offenem Mund. Ich stelle die Figur ab. Diane sagt, das erinnert sie an Munch „der Schrei“ Ich frage mich, ob ich so dramatisch aussehe? Für mich ist es eine Erinnerung, dass ich ganz viel gesungen habe als Kind. Ich singe auch jetzt noch, aber als Kind war es anders. Ich musste singen! Ich habe gesungen und heute weiß ich, dass mir das Singen half meine Spannungen im Körper zu lösen.